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DIE TURMUHR IN LÜNEN-SÜD

Ein Interview mit Richard Jantz




 

Eine der wenigen Turmuhren in unserer Gegend, die noch immer mechanisch arbeiten, ist die Uhr auf dem Kirchturm der Ev. Kirche in Lünen-Süd. Fast alle anderen Uhrwerke sind elektronisch gesteuert, werden elektrisch betrieben. Dass dies bei uns nicht der Fall ist, ist vor allem unserem ehemaligen Küster Richard Jantz zu verdanken, der es zu seiner ehrenamtlichen Herzensangelegenheit gemacht hat, für das Uhrwerk zu sorgen und alles bei guter Pflege in Gang zu halten. Im Folgenden wird ein Interview wiedergegeben, das Pastorin Gisela Kortenbruck vor einiger Zeit mit dem Ruheständler Richard Jantz an Ort und Stelle, im Kirchturm, geführt hat:




 

Kortenbruck: Ich sehe einen großen Schrank mit vielen Zahnrädern und -rädchen, wenn ich das Uhrwerk betrachte. Aber wie alt ist eigentlich dieses Uhrwerk?

Jantz: Das Uhrwerk ist 1908 gebaut worden und auch 1908 hier in den Turm gekommen. Die Teile, die man hier sieht, sind alles noch Original-Teile von 1908. Es musste noch kein Teil ersetzt werden, kein einziges.

Kortenbruck: Das zeigt vor allem, wie gewissenhaft Sie in all den Jahren die Uhr gepflegt und in Schuss gehalten haben.

Jantz: Nun, es zeigt erstmal, wie robust die Uhr damals gebaut worden ist. Aber mit der Pflege hat es natürlich auch zu tun, klar.

Kortenbruck: Das heißt also, dass auch das Rad, das diese Uhr scheinbar antreibt, das dort in der Ecke immer so laut tickt und das schon ein wenig ausgeschlagen ist, dass dieses Zahnrad auch immer noch original ist?

Jantz: Ja, auch dieses Zahnrad ist genauso alt wie das ganze Uhrwerk. Aber man sieht ja, da ist schon eine richtige Vertiefung in den Zacken. Das zeugt von dem Alter. 50, 60 Jahre vielleicht wird dieses Rad immer noch halten, dann wird es wohl mal nachgeschliffen werden müssen. Aber die Zähne, die halten dann immer noch, die werden wohl auch die nächsten 200 Jahre noch halten. So solide ist das mal gebaut worden.

Kortenbruck: Man sieht auch, die Teile sind alle aus Gusseisen und richtig schwer.

Jantz: Gleich wird die Uhr schlagen, es ist jetzt eine Viertelstunde voll. Die Uhr schlägt jede Viertelstunde. Die Brandenburger z.B. sagen ja nicht "Viertel nach Zwei", sondern "Es ist Viertel Drei". Dann schlägt die Uhr einmal. Statt "Viertel vor Drei" sagen sie "Dreiviertel Drei". Eben weil die Uhr dann dreimal schlägt. Wenn dann die volle Stunde ist, schlägt die Uhr viermal vor. Und dann kommt der Stundenschlag, die Schläge also für die Stunden, hinterher. Dann kann man hören, wie spät es jetzt ist. - Das Faszinierende für mich an dieser Uhr ist das Robuste, das Grobe. Die Zahnräder, wenn man die so sieht, dann könnten die aus dem Bergbau stammen, so grob sind sie gearbeitet. Und trotzdem ist im Endeffekt alles so fein aufeinander abgestimmt, dass diese große, alte Uhr genauer geht als meine Armbanduhr. Alle 10 Tage geht sie ungefähr eine Minute vor.




 
 

Kortenbruck: Also muss die Uhr ja auch ab und zu wieder gestellt werden. Wie geht denn das?

Jantz: Wenn sie vorgeht, dann halte ich die Stange, die die Minuten zählt, einfach so lange fest. Dann kann das Rad keinen Zacken weiter gehen, und die Minute ist nicht gezählt worden. Wenn sie nachgeht, dann drehe ich das Zahnrad von Hand vor, dann geht die Uhr auch schneller.

Kortenbruck: So lassen sich ja wenige Minuten recht einfach korrigieren. Aber wie ist das, wenn die Uhr von Sommer- auf Winterzeit umgestellt werden muss? Oder umgekehrt?

Jantz: Wenn es im Frühjahr ums Vorstellen geht, dann ist das ganz einfach. Dann hebe ich die Stange, die das Uhrwerk bremst, hoch und lasse die Uhr vorlaufen. Das geht dann ganz schnell. Beim Zurückstellen im Herbst ist es schwieriger. Dann stelle ich die Uhr ganz ab, lasse sie eine Stunde ganz stehen. Dazu muss ich den Perpendikel (das Pendel) festhalten. Und dann schiebe ich sie wieder an.

Kortenbruck: Ich sehe schon, das funktioniert genauso, wie man das von der Pendel- oder Kuckucksuhr zu Hause auch kennt. Das hätte ich gar nicht vermutet, dass ein so großes Uhrwerk im Prinzip genauso arbeitet wie die Uhr zu Hause. Vor allem hätte ich mir das Pendel viel größer vorgestellt, schließlich ist die Uhr ja auch viel größer. Aber dieses Pendel hier ist ja nur ein einfaches Holzteil mit einem kleinen Eisenteil unten dran.

Jantz: Ja, das ist also unser Schmuckstück, das uns auch ein bisschen am Herzen liegt. Bis 1982 ist diese Uhr ja von einem Uhrmacher betreut worden. Da war er ein bisschen böse auf uns. Wir hattenn nämlich ziemlich viele Schwierigkeiten mit dieser Uhr. Sie lief nicht, blieb immer wieder stehen. Dann ist der Uhrmacher jedes Mal rausgekommen und hat die Uhr "überholt". Tagelang war er dann hier oben. Was er da gemacht hat, weiß ich nicht. Schließlich hat er der Gemeinde den Vorschlag gemacht, das Uhrwerk ganz rauszuschmeißen und durch ein elektronisches Werk zu ersetzen. - Von hier, vom Uhrwerk aus, wo wir jetzt sind, führt eine Stange ungefähr 8 Meter nach oben, dorthin, wo die Uhr ist. Und dort sitzt ein Kasten, der die Impulse von hier unten an die jeweiligen Zeiger weitergibt. An dieses Gestänge wollte der Uhrmacher einen elektrischen Impulsgeber anbauen. So hat er der Gemeinde den Vorschlag gemacht, dieses alte Uhrwerk auszubauen und zu entsorgen und dann den Impulsgeber dort einzubauen. Das ganze sollte zu der Zeit ungefähr 10.000 DM kosten. Aber die Gemeinde hat das Geld nicht gehabt, deshalb hat die Uhr dann schon über ein halbes Jahr ganz gestanden. Da hatte sich schon der Pfarrer Aufenberg von der katholischen Gemeinde angeboten, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Aber dann hat der damalige Presbyter Dieter Lange sich eingeschaltet, der war Ingenieur auf dem Kraftwerk in Derne. Dann haben wir beide mal ein ganze Wochenende hier auf dem Kirchturm verbracht und haben uns das alles angeguckt und ausprobiert. Jedenfalls habe ich dann oben das ganze Getriebe und die Wellen ausgebaut, und wir haben das ins Kraftwerk geschafft. Dort ist das dann nachgedreht und neu gelagert worden. Dann wieder eingebaut. Damit hatten wir sehr viel zu tun. Wir beide, der Dieter Lange und ich, hatten hinterher eine dicke Lungenentzündung, weil es auch noch im Winter war. Mit zwei Leuten haben wir hier in dem Turm fast die ganze Woche gearbeitet. Aber seitdem geht die Uhr wieder. Und darüber sind hier alle sehr froh.




 
 

Kortenbruck: Das war aber wirklich ein großer Einsatz von ihnen - und darüber hinaus nun all die Jahre: aufziehen, stellen, kontrollieren, pflegen, ölen und alles - das ist etwas, das einem schon sehr am Herzen liegen muss. Und dafür, dass Sie, Herr Jantz, das immer wieder machen, sind wir Ihnen sehr dankbar. Zu allem Überfluss machen Sie das alles ja auch rein ehrenamtlich, seit Sie in den Ruhestand gegangen sind. Es ist ja auch teilweise eine schwere Arbeit, die Sie da tun. Und immer all die Treppen und Leitern im Turm rauf und runter - ich hoffe, Sie bleiben noch lange gesund und beweglich genug, um die Uhr weiter in Gang zu halten. Denn sowas, wie Sie da für unsere Gemeinde und für Lünen-Süd tun, das kann heute niemand mehr bezahlen.

Jantz: Ja, ich bin ja auch immer noch bei der Küstervereinigung aktiv. Die wird übrigens in diesem Jahr 100 Jahre alt. Die wurde damals in Hamm gegründet und nach dem Dritten Reich - damals waren Küster ja verboten - 1948 wieder neu gegründet. Jedenfalls kenne ich mich auch aus im Küsterrecht. Und nach den modernen Auffassungen, wo jede Stunde gezählt und nachgehalten wird, da wäre so ein Dienst gar nicht mehr möglich. Als ich noch Küster war, da hat das für mich einfach dazu gehört.

Kortenbruck: Wenn ich mir diese Uhr ansehe, dann fällt mir auf, dass sie in einem Schrank steht, den man richtig verschließen kann. Warum ist das eigentlich so?

Jantz: Das ist so, damit das Uhrwerk ein bisschen besser vor Staub geschützt ist. Wenn nämlich auf die geölten Stellen Staub drauf kommt, dann sammelt sich das an, bis das Rad unrund läuft. Davon geht die Uhr dann irgendwann kaputt. Ja, dieser Schrank hier ist auch noch original. Nur die Fenster auf der Rückwand, die sind erst 1993, bei der großen Kirchen-Renovierung, eingebaut worden.

Kortenbruck: Dann hat man jetzt auch mehr Licht hier, wenn man die Uhr genauer betrachten möchte. Denn schließlich gibt es solche mechanischen Uhrwerke nicht mehr so oft.

Jantz: Nein, die meisten Uhren werden heute elektrisch angetrieben. Ich weiß aber, dass in Dortmund-Dorstfeld auch noch eine steht. Das habe ich im Fernsehen gesehen. Die zieht sich aber im Gegensatz zu unserer automatisch selber auf. Bei unserer ist Muskelkraft gefragt.

Kortenbruck: Ja, und zwar Ihre Muskelkraft, Herr Jantz. Danke für dieses Gespräch - und vor allem für Ihr Engagement, dem wir in Lünen-Süd zu verdanken haben, dass wir immer wissen, was die Uhr geschlagen hat.