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Erinnerungen an schwere Jahre

1. Geschichte unserer Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus bis zum Kriegsende 1945
2. "Am Anfang war der Krieg für uns nur ein Abenteuer..." - Menschen, die vor 60 Jahren Kinder waren, erinnern sich an den 2. Weltkrieg
3. Chronik über die auf den Raum Lünen-Süd erfolgten
Luftangriffe 1943 - 1945 (ein Tagebuch von Wilhelm Mette)
1. Geschichte unserer Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus bis zum Kriegsende 1945


(Die kursiv gekennzeichneten Zitate sind dem Gemeindebericht von Pfarrer Arning entnommen, den er am 15. August 1945 verfasste.)

Im April 1935 schied Pfarrer Mendel aus gesundheitlichen Gründen aus seinem Dienst aus. In dieser Zeit versuchten die "Deutschen Christen" in der Gemeinde Fuß zu fassen. Sie versuchten z.B., eine braune Schwester als Gemeindeschwester einzustellen. Aber die bekenntnistreuen Gemeindeglieder waren wachsam und konnten die Versuche der Deutschen Christen, Boden in der Gemeinde zu gewinnen, abwehren. Nach anfänglichem Zögern war das Presbyterium im Juni 1935 schließlich mit einer Enthaltung der "Bekennenden Kirche" beigetreten und unterschrieb die roten Karten, die als Mitgliedsausweis der "Bekenntniskirche" galten. Die Bekenntnischristen wandten sich gegen das Bestreben der "Deutschen Christen" nach einer zentral geleiteten Reichskirche und gegen deren nationalsozialistisches Gedankengut, das sich in folgenden Verlautgabungen ausdrückte: "Wie jedem Volk, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz eingeschaffen. Es gewann Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und in dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat...Ein Volk! - Ein Gott! - Ein Reich! - Eine Kirche!"(Zitiert nach Johannes Weissinger, Lünen 1918 - 1966, S. 337).
Die nächsten Jahre geriet die Gemeinde in schwerste Bedrängnis. Mitglieder der NSDAP traten aus der Kirche aus oder ließen sich vom Gottesdienstbesuch und den kirchlichen Veranstaltungen abhalten. Der Religionsunterricht an den Schulen wurde abgeschafft. Alle Arbeit der Gemeinde sowie das Privatleben der treuen Gemeindeglieder wurde von der Geheimen Staatspolizei und den Parteimitgliedern scharf überwacht. Es regnete Anzeigen. Trotzdem hielten viele Gemeindeglieder diesem Druck stand.
Als 1939 der Krieg begann, waren anfangs noch keine großen Veränderungen im Lüner Süden spürbar. Die Männer wurden noch im Bergbau gebraucht. 1941 jedoch wurden die meisten Männer der Gemeinde in den Kriegsdienst eingezogen, darunter auch Pastor Arning. Zwei Jahre später, mit den zunehmenden Bombenangriffen auf Lünen, begann dann die Evakuierung von älteren Gemeindeglieder, Kindern und Frauen. Viele wurden mit der Bahn nach Pommern gebracht. Die damalige Gemeindeschwester Frieda Beckmann, die seit 1936 treu der Gemeinde diente, begleitete die alleinreisenden Kinder. Während dieser schweren Zeit haben das Presbyterium und vor allem der langjährige Kirchmeister und Rendant Wilhelm Mette, die Frauenhilfe, dann Frau Prater und der Diakon Boguslawski, der gleich zu Beginn des Krieges einen Arm verloren hatte, mit ganzer Hingabe in der Gemeinde gearbeitet und sie vor größerem Schaden bewahrt, resümiert Pfarrer Arning in seinem Bericht.
Durch die englischen und amerikanischen Bombenangriffe verloren viele Menschen auch in Lünen-Süd und Gahmen ihr Leben. Wegen der zerstörten Häuser wurden viele Menschen obdachlos. Auch die Kirche und das Gemeindehaus in Lünen-Süd wurden schwer beschädigt. Bis heute gehört diese Zeit für viele ältere Gemeindeglieder zu den schlimmsten Erinnerungen ihres Lebens.
Pfarrer Arning schreibt vier Monate nach Kriegsende: Wohl keiner kehrte unversehrt zurück. Noch ist nicht zu übersehen, wie groß die Verluste sind, da sehr viele noch nicht zurückgekehrt, außerdem fehlen noch viele Frauen und Kinder.
Die traumatischen Erlebnisse der Kriegszeit und die große Sehnsucht nach Trost und Neubeginn spiegelten sich in dem außerordentlichen Besuch der Gottesdienste wieder. Es ist wohl zum großen Teil dem unermüdlichen und treuen Einsatz von Pastor Arning zu verdanken, dass die Menschen dies auch in der Kirche fanden. Obwohl die Armut groß war, spendeten die Gemeindeglieder 1945 über 10000 RM für die Wiederherstellung der Kirche. Seinen Bericht schloss Arning mit folgenden Worten: Möge Gott es in seiner Gnade schenken, dass diese furchtbare Leidenszeit zu einer Segenszeit für die Gemeinde werde und sie durch so viel Kreuz und Leid zu einer Glaubensgemeinschaft geläutert werde, in der die Liebe Christi reichlich wohnt.

Im Februar 1946 unterschrieb das Presbyterium die sog. "Stuttgarter Erklärung", das Schuldbekenntnis der EKD. Dort hieß es: Durch uns ist unendlich viel Leid über viele Völker und Länder gebracht worden... Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden."

Andrea Ohm

2. "Am Anfang war der Krieg für uns nur ein Abenteuer..."
Menschen, die vor 60 Jahren Kinder waren, erinnern sich an den 2. Weltkrieg

In diesen Tagen jährt sich zum 60. Mal das Ende des 2. Weltkrieges. Viele Veröffentlichun-gen, viele Sendungen in Fernsehen und Radio würdigen dieses wichtige historische Datum. Erinnerungen, vielleicht längst vergessen geglaubt, werden dadurch wieder lebendig bei vie-len, die diese Jahre erlebt haben. Und die meisten, die heute noch davon erzählen können, wie diese Zeit für sie war, sind damals Kinder gewesen: aufgewachsen in einer Zeit der Entbehrung und Entwurzelung, der Angst und Bedrohung, vielleicht aber auch in einer unbelasteten Kinderwelt in einem von Kriegswirren geprägten Alltag.

Naziverbrechen und Holocaust, all die Schrecken des Krieges und das Erschrecken der Nach-kriegszeit, das Leid der Völker in Europa und anderswo, das mehr war und bedeutet als "nur" die erdrückenden Zahlen von Ermordeten und Gefallenen, Vertriebenen und Entwurzelten, Geschundenen und Traumatisierten, haben gerade die Öffentlichkeit in Deutschland besonders beschäftigt in der Vergangenheit - und bei der besonderen Verantwortung unseres Volkes auch beschäftigen müssen.

Bei vielen Gesprächen in der Gemeinde stelle ich aber in den letzten Jahren, vor allem bei Angehörigen der Kriegskinder-Generation ein verstärktes Bedürfnis fest, sich mit der eigenen Geschichte auch noch einmal auf andere Weise auseinanderzusetzen und Bilder und Erinne-rungen zu verarbeiten, die lange versunken schienen. Es mag daran liegen, dass bei vielen Älteren im Laufe der Jahre die Kindheit wieder näher rückt, dass Erinnerungen an Kindertage wieder deutlicher im Gedächtnis hervortreten als in den Jahrzehnten zuvor.

Dass ein Krieg Kinder und Kranke am härtesten trifft, wird niemand bestreiten. Und dass Menschen mitunter für den Rest ihres Lebens durch Kriegsbilder verfolgt und traumatisiert werden können, davon könnte sicher auch mancher Soldat etwas erzählen. Zunehmend ist aber die Zahl derer, die erst als ältere Menschen wahrnehmen, wie belastet ihre Kindheit ei-gentlich war.

Nun wird vielleicht mancher Leser, manche Leserin sagen: "Deutsche als Opfer? Gebietet nicht unsere belastete Geschichte, sich auf die Sichtweise der Deutschen als Täter zu be-schränken?" Unser Fragen soll aber den Menschen gelten, die Schweres erlebt haben; Menschen, die Raum brauchen, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen. Es kann und darf nicht darum gehen, politisch in das Fahrwasser der Ewig-Gestrigen zu geraten, die schon immer die historischen Tatsachen verdreht, verleugnet und für ihre Zwecke genutzt haben. Von derartigen Absichten wollen wir uns von vornherein deutlich distanzieren. Ich möchte unser Fragen eher als Aufgabe der Seelsorge und der christlichen Füreinander-Daseins verstanden wissen, wenn wir als Ev. Kirche in Lünen uns mit dem Schicksal der Kriegskinder-Generation in Deutschland beschäftigen.

Im Folgenden nun einige Ausschnitte aus Gesprächen, die ich mit Gemeindegliedern in der letzten Zeit geführt habe und die vielleicht auch für manche der Leserinnen und Leser eine Anregung zu eigenem Erinnern sein können:

"Als im Juli 1941 die ersten Bomben auf Lünen fielen, da sind wir Kinder am nächsten Mor-gen hingerannt zum Gucken. Bis dahin war Krieg für uns doch nur ein Abenteuer," sagt einer, der bei Ausbruch des Krieges schon 13 Jahre alt war. "Aber dann, beim ersten Fliegeralarm, da haben wir gedacht, jetzt sterben wir alle," fährt er fort und macht damit den Zwiespalt deutlich, in dem sich ein Jugendlicher in jenen Jahren bewegte.
Für Heidi Kittel aus Lünen-Süd ist besonders der Hunger in Erinnerung geblieben als das prägende Gefühl jener Jahre. "Mein Bruder war krank, das muss ungefähr 1944 gewesen sein. Er hatte, wie wir damals sagten, die "Schwindsucht" und musste ins Krankenhaus. Aber da gab es auch nichts zu essen. Und mein Bruder wurde schwächer und schwächer. Da habe ich - ich war damals ungefähr 6 Jahre alt - von einem Bäckerwagen 3 Kassler geklaut, die habe ich ins Krankenhaus zu meinem Bruder gebracht. Ein Lehrer hat mich erwischt und zur Rede gestellt. Am Ende musste ich bei meinem Pflegeeltern im Haushalt Strafarbeit machen deshalb, dafür hat er wohl gesorgt." Und sie erzählt von den schrecklichen Erlebnissen, als die Familie auseinander gerissen wurde. Wie es Jahrzehnte dauerte, bis die Mutter eine verloren geglaubte Tochter wieder in die Arme schließen konnte.
Wieder jemand, damals ein kleines Mädchen, erzählt mir davon, wie begehrt unter Kindern die Bombensplitter waren, die man oft unter Gefahr gesammelt und hinterher mit den Nach-barskindern bewundert und getauscht hat. Wer die schönsten hatte, war der Held, besonders wenn die Splitter in den herrlichsten Farben schillerten.
Ein anderer erinnert sich: "Neben dem Friedhof in Derne, da ging schon ziemlich am Anfang des Krieges die erste Bombe nieder. Da sind wir Kinder dann hin und haben den tiefen Bom-bentrichter bestaunt. Man hätte da glatt ein Haus drin versenken können. Da waren wir schon sehr erschrocken."
Und Günter Kostrzewa erzählt: "Eigentlich wär ich gern Schornsteinfeger geworden, aber da war in diesen Jahren nichts zu machen. Und so hab ich dann 1943 eine Lehre als Schmied angefangen, in Werne. So kam es, dass ich in Werne war, als der Angriff auf Lünen stattfand. Bei Sonnenschein und blauem Himmel konnte ich das von Werne aus beobachten. Die Flugzeuge kamen in mehreren Wellen, die die Zeche Victoria anflogen. Westfalia wurde auch noch mit getroffen. Die Kolonie um Victoria herum, besonders in Schachtnähe, an der Barbarastraße, war davon auch betroffen. Ich dachte mir dann: Hier kann ich nicht länger bleiben. Ich hatte keine Ruhe mehr. Ich habe mich dann sofort aufs Fahrrad gesetzt und bin nach Hause gefahren. - Mein Vater hat den Angriff unter Tage erlebt. Die Bergleute haben das Grollen der Bomben gehört. Und so sind sie aus dem Streb zum Schacht gegangen. Unterwegs war schon die Lüftung ausgefallen, sodass sie froh sein konnten, noch frische Luft zu haben. Es war kein Fördermaschinist da, so mussten die Bergleute den größten Teil der Strecke im Schacht hochklettern. - In der Stadt selber, um die Persiluhr herum brannte alles, ganz schlimm. Und die Lange Straße war auch nicht mehr passierbar. So bin ich über den Wallgang durch und bin nach Lünen-Süd gekommen. Da war alles in Ordnung. Und Mutter hatte schon Wasser heiß gemacht, damit der Vater sich waschen konnte, als er nach Hause kam."

Erinnerungen wie diese wird es im Leben vieler Leserinnen und Leser geben: entweder selbst erlebt, nicht nur als Kind - oder vielleicht auch erzählt bekommen von Eltern und Großeltern. Jedenfalls geht es um Geschichte und Geschichten, die nicht in Vergessenheit geraten und über die Menschen ins Gespräch kommen und sich austauschen sollen. Vielleicht auch über die Erinnerungen und Bilder, die immer noch nicht ihren Schrecken verloren haben, die möglicherweise noch quälen bis heute, die vielleicht auch noch nie jemand zu erzählen gewagt hat.

Ein Projekt, das für die Friedensdekade im Herbst in Vorbereitung ist, soll dazu Gelegenheit bieten. Eine Autorenlesung in der Stadtkirche, ein Erzähl-Café-Abend im KIEZ, ein Gespräch mit einem erfahrenen Spezialisten für seelische Kriegsfolgen, Francis Azraq, stehen auf dem Programm des Vorbereitungsteams, das aus den Pfarrerinnen Anja Bunkus, Rita Lischewski und Gisela Kortenbruck besteht. Außerdem ist auch noch ein Konfi-Projekt zum Thema geplant, das von Thomas Böhme-Lischewski betreut wird. Den Abschluss des Projektes bildet ein Friedensgottesdienst, der am Abend des Buß- und Bettags (16. November) in der Stadtkirche stattfinden wird. Weitere Informationen über die geplanten Veranstaltungen wird es rechtzeitig geben.

Gisela Kortenbruck