Kirche in Schieflage - Aufbau trotz Bergschäden
Bergschäden in Lünen-Süd hatten Mitte der 70er Jahre die Lebensqualität in Lünen-Süd und Gahmen beträchtlich verschlechtert. Die Zahl der deutschen Bevölkerung in den Stadtteilen ging erheblich zurück. Das hatte auch direkte Auswirkungen auf die KG Preußen: Die Zahl der Gemeindeglieder ging von über 9000 auf 4500 Ende des Jahrhunderts zurück. Das Gemeindezentrum Gahmen musste wegen Bergschäden abgerissen und neu gebaut werden. Anfang der achtziger Jahre wurde das Paul-Ger-hardt-Haus in Lünen-Süd wegen starker Schieflage abgerissen und durch einen Ersatzbau ersetzt. Die Kirche an der Jägerstraße hatte durch die Bergschäden viele Risse bekommen und wurde Mitte der 90er Jahren renoviert, wobei die Belange des Denkmalschutzes ebenso beachtet wurden wir die Anforderungen an ein Kirchengebäude in unserer Zeit. Überhaupt waren die siebziger und achtziger Jahre eine Zeit des Neuaufbaus in der Gemeinde. Ein Drei-Gruppen-Kindergarten wurde an der Weißenburger Straße gebaut und wurde bald zu einem Schwerpunkt der Gemeindearbeit. Außerdem wurde für die zweite Pfarrstelle ein Pfarrhaus an der Dammwiese errichtet. Insbesondere dem intensiven Einsatz von Bau-Kirchmeister Günter Mette ist es zu verdanken, dass die Kirchengemeinde in Zeiten finanziell guter Ausstattung die Zeiten genutzt hat, um ihre Gebäude in einen guten Zustand für die sich abzeichnenden schwächeren Zeiten zu bringen.
Kirche in der Stadt - Kirche für die Stadt
Das letzte Viertel des 20 Jahrhunderts war zugleich für die Kirchengemeinde Preußen eine Zeit des Aufbruchs und der Öffnung zur Ökumene und zum Engagement für die Menschen. Schon seit Anfang der siebziger Jahre war die Gemeinde aktiv an Fragen der Entwicklungshilfe über die Kalkutta-Gruppe Dortmund engagiert. Die Partnerschaft des Kirchenkreises Lünen mit Usakos in Namibia wurde aktiv unterstützt und der Arbeitskreis Dritte Welt, von der man mittlerweile als der Einen Welt sprach, entstand. Handel mit fairen Produkten, Sammlung von Altpapier um Eine-Welt-Projekte zu finanzieren und die Öffnung für ökologische Fragestellungen wurden zu Schwerpunkten der Gemeindearbeit. Der konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung fand in den Gruppen der Gemeinde viel Unterstützung und Widerhall. In der Friedensbewegung der achtziger Jahre unterstütze die Gemeinde das „Nein“ gegen die Mittelstreckenraketen und die Atomraketen.
Seit 1993 wurden in Zusammenarbeit mit der Stadtteilkonferenz für Jugendarbeit und der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule wurden 24-Stunden-Läufe durchgeführt, die ein Hilfsprojekt für Straßenkinder in Sao Paulo finanziell unterstützten und zugleich einen wichtigen Erlebnisraum für die Schülerinnen und Schüler der Lünener Schulen eröffnete. Die Kirchengemeinde Preußen verstand sich als eine Kirche für die Menschen und mit verantwortlich für das Gemeinwesen in dem sie existierte. Seit Ende der siebziger Jahre haben Sozialseminare der Gemeinde in Gahmen viele Themen des Lebensalltags aufgegriffen: Das Zusammenleben mit Muslimen, Stadtentwick-lungsplanung für Gahmen und Lünen-Süd, Grenzen des Wachstums und der Club of Rome, um einige zu nennen. Besonders die Privatisierung der ergarbeiterwohnungen durch Har-pen beunruhigte Mitte der 80er Jahre viele der damaligen Mieter in Lünen-Süd und führte über ein Sozialseminar zur Gründung der Interessengemeinschaft Lünen-Süd, um die Rechte der Mieter zu stärken.
Die Position der Kirche gegen die Atomwaffen führte zur regen Beteiligung an den kreiskirchlichen Friedensgottesdiensten, die monatlich abwechselnd in den Kirchen des Kirchenkreises gehalten wurden.
Das diakonische Engagement der Gemeinde wurde ausgeweitet. Es führte einerseits zum Bau des Kindergartens in der Weißenburger Straße. Die Gemeinde bezogene Sozialarbeit von Marianne Stahlberg (Sozialarbeiterin des diakonischen Werkes Dortmund 1980-2004) begleitete viele weitere Projekte: Wichtig waren die Einzelberatung in Sprechstunden, die Begleitung der IG Oberbecker, die Gruppen im Treffpunkt Bebelstraße und das Engagement im Gemeindezentrum Gahmen wie z.B. der Mittagstisch oder der Frühstücksbasar.
Die Gemeinde unterstütze auch den Bau des Altenhilfe-Zentrums Lünen-Süd, Bebelstraße 200, um Pflegebedürftigen gute Betreuung und zugleich die Nähe zum bisherigen Lebensumfeld zu ermöglichen. Die Umwandlung der früheren Gemeinde-Krankenpflege durch eine Gemeindeschwester in die Diakonie-Station Lünen zeigte den Wandel zur professionellen Krankenpflege an. Die Gründung des Krankenhaus-Besuchsdienstes sollte die Verbundenheit der Gemeinde mit ihren kranken Gemeindegliedern durch Besuche zum Ausdruck bringen.Eine weitere Herausforderung an die Diakonie der Gemeinde waren die Flüchtlinge, die in den 90er Jahren aus vielen bedrohten Lebenssituationen nach Deutschland kamen. Durch eine Vielzahl von Gesprächen und die Gründung eines Partnerschaftskreises in Zusammenarbeit mit der Flücht-lingsberatung des Diakonischen Werkes konnte vielen Menschen geholfen werden und die Integration bei uns oder die Rückkehr in die Heimat wurden begleitet. 1999 gewährte die Gemeinde sieben kurdischen Flüchtlingen für mehrere Monate Kirchenasyl im alten Pfarrhaus Lutherstraße.
Kirche für Kinder und Jugendliche
Mit dem Wandel der Zeiten änderten sich auch die Anforderungen an die Kinder- und Jugendarbeit der Gemeinde Preußen. Die großen Pfad-findergruppen gehörten der Vergangenheit an. Doch das Engagement der Gemeinde für Kinder und Jugendliche weitete sich beständig aus. Neben die ehrenamtliche Jugendarbeit trat nun auch verstärkt der Einsatz von hauptamtlichen Kräften. 1975 wurde die Kontaktstelle Jugendarbeit im Kirchenkreis gegründet und Anfang der 90er Jahre errichtete die Gemeinde eine halbe Stelle für Jugend-So-zialarbeit.
In Gahmen wurde in einer gemein-samen Anstrengung mit der Stadt-teilkonferenz Gahmen das Jugendcafe Gahmen gegründet, das seitdem dreimal in der Woche ein offenes Angebot für Kinder und Jugendliche bietet und zu einer wichtigen Institution im Stadtteil wurde.
Die Kindergottesdienste wurden erfolgreich weiter geführt und waren für Jahrzehnte Begegnungsmöglichkeit für Konfirmanden mit dem gottesdienstlichen Leben der Gemeinde. Der Helferkreis des Kindergottesdienstes war für viele spätere Ehrenamtliche in der Jugendarbeit der erste Einstieg in die Gemeindearbeit. Dadurch war bei den Jugendmitarbeitern auch eine Kenntnis grundlegender Bibelgeschichten vorhanden. Ergänzt wurden diese Kindergottesdienste seit 1980 durch die jährlich in den Osterferien stattfindenden Kinderbibelwochen für Kinder zwischen 6 und 13 in Gahmen und später dann durch Kinderbibeltage. Seit 1989 führt die Gemeinde jährlich in den Sommerferien Jugendfreizeiten für Jugendliche im Alter von 12-15 Jahren durch. Diese Freizeiten gaben einer großen Zahl von Jugendlichen die Chance, Möglichkeiten christlicher Lebensgestaltung im Zusammenleben der Freizeiten Christen zu erleben. Ferienaktionen für die Kinder zu Hause finden in Gahmen seit 1996 jährlich unter dem Titel „Spiel-Spaß“ statt.
Die Zusammenarbeit mit den Schulen in Lünen-Süd und Gahmen in Bezug auf die Schulgottesdienste wuchs in den neunziger Jahren: neben den Gottesdiensten zur Einschulung gab es thematische Gottesdienste in den Grundschulen und Begrüßungs- und Abschieds-Gottesdienste in der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule. Durch ihre Jugend-Sozialarbeiterin arbeitet die Gemeinde auch mit der Offenen Ganztagsgrundschule in Gahmen zusammen.Ein weiteres Arbeitsfeld sind die Eltern-Kind-Gruppen, die Kleinkindern und Eltern zum Austausch und zu gemeinsamen Tun bieten.
Änderung im musikalischen Stil
Vor dreißig Jahren gab es in der Gemeinde den Singekreis der Frauenhilfe Preußen, den Kirchenchor und den Posaunenchor. Während die beiden ersten Chöre sich zu einem Singekreis Gahmen entwickelten, blühte der Posaunenchor unter der Leitung von Reinhold Kluge (seit 1975) auf. Über 25 aktive Bläserinnen und Bläser bilden heute den Posaunenchor Preußen, und das Repertoire liegt zwischen der klassischen Posauenchor-Literatur und modernen Arrangements bis hin zur reinen Blasmusik. Als neues Instrument wurde die Gitarre in den letzten dreißig Jahren in Preußen entdeckt. Hatte es bereits Mitte der sechziger Jahre erste Beatmessen mit moderner Musik mit viel Aufsehen in Preußen gegeben, so sind inzwischen moderne Kirchenlieder und die Gitarrenbegleitung (einschließlich eines ansehnlichen Gitar-renchores) prägend für das musikalische Leben geworden.
Niederschwelligkeit und Mitgliederorientierung
In den siebziger Jahren wurde der Gemeindebrief als Informationsmedium für alle Gemeindeglieder entwickelt, der helfen sollte, die Schwelle zum Mitmachen in der Gemeinde zu senken. „Wer mitmacht, erlebt Gemeinde!“, war das Jahresmotto 1979. Der Gemeindebrief erscheint inzwischen vierteljährlich unter dem Namen ‚Preußen Rundschau’ und wird an alle evangelischen Haushalte in Lünen-Süd und Gahmen verteilt.
Im Verhalten der Gemeindeglieder ist eine deutliche Verschiebung zu beobachten.
Die Jahresfeste der Frauenhilfe besuchen heute 60 statt früher 200 Frauen; die Zahl der Gottesdienstbesucher kann an manchen Sonntagen an zwei bis drei Händen pro Gottesdienststätte gezählt werden. Die Gemeindebibelstunde wurde in den 90er Jahren eingestellt. Bibelwochen finden mangels Resonanz aus der Gemeinde nicht mehr statt. Der Kindergottesdienst findet nur noch einmal im Monat statt.
Auf der anderen Seite haben niedrig-schwellige Angebote wie der Frühstücksbasar in Gahmen oder das Marktcafe in Lünen-Süd erreichen, dass viele Menschen in die Gemeindehäuser kommen. Wird der normale Sonntagsgottesdienst auch weniger besucht, so ist der Gottesdienstbesuch insgesamt durch mehr Zielgruppengottesdienste und besondere gottesdienstliche Feste, wie z.B. die inzwischen ökumenische gefeierten Taize-Gottesdienste, in den letzten zehn Jahren etwa gleich geblieben oder hat sich sogar leicht verbessert.Der Konfirmandenunterricht wurde so verändert, dass feste Unterrichtszeiten und frei gewählte Thementage einander abwechseln. „Es ist vieles freier geworden.“, ist das anerkennende Urteil vieler Gemeindeglieder.
Rückbau und Suche nach neuen Perspektiven
Während die Jahre 1975 bis 2005 für die inhaltliche Arbeit der Gemeinde eine große Ausweitung bedeuteten, zeigten erste Vorzeichen den notwendig werdenden Rückbau in der Gemeinde an: mit der Pensionierung von Pfarrer Rolf Lemm wurde die zweite von drei Pfarrstellen gestrichen; die Arbeitszeit der Kirchenmusiker wurde auf finanziellen Gründen gekürzt, die Arbeitszeit der Küster wurden beim Freiwerden radikal gekürzt, 2005 wurde eine Kindergartengruppe geschlossen. Die Gebäude sind zwar in gutem Zustand, doch die Finanzen reichen in Zukunft nicht für die nachhaltige Bauunterhaltung aller Gebäude. Hier werden ökumenische Kooperationen oder Schließungen nötig werden. Die Zahl der Gemeindeglieder wird wohl weiter langsam zurückgehen, es werden weniger Kinder geboren, so dass die alten Gemeindeglieder im Vergleich zu den anderen Altersgruppen zunehmen werden. Es zeigt sich, dass die Gemeinde auch keine zwei vollen Pfarrstellen auf Dauer halten können wird. Die Finanzen der westfälischen Kirche – so wird erwartet – werden kontinuierlich abnehmen, so dass beim 125 jährigen Jubiläum der Gemeinde nur noch zwei Drittel der heutigen Gemeindeglieder mit der Hälfte des heutigen Geldes auskommen müssen. Die Gemeinde wird es lernen müssen, in der Zukunft mit weniger Mitteln auszukommen. Aber auch darin liegen neue Chancen verborgen.
Jürgen Lembke




